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Von Ulrich Brüne

Sie hatten es endgültig satt, im Barmer Rathaus. Sie wollten nicht mehr länger mit ansehen müssen, wie ein kleiner Einzelhändler nach dem anderen dichtmachte. Wie Billigläden die Fußgängerzonen in Barmen und Elberfeld eroberten und die nahe Landeshauptstadt Düsseldorf dem Wuppertaler Bürger von riesigen Plakaten auch noch hämisch verkündete, dass das Leben zu kurz sei, um langweilig shoppen zu gehen.

Doch was tun? Da erschien Andreas Haderlein am Horizont, Frankfurter Wirtschaftspublizist und Innovationsberater. Im Juni 2013 hielt der Unternehmensberater einen Vortrag vor dem Rheinischen Einzelhandels- und Dienstleistungsverband. Seine Themen: Innenstadtverödung, Stadtentwicklung und Einzelhandelsförderung. Und er machte mobil an diesem Abend. Es gelang ihm, um es mit seinen eigenen Worten zu beschreiben, den anwesenden Händlern "sanft das rote Tuch Internet vom Gesicht zu reißen – um zu zeigen: Das ist auch eine Chance“. Er forderte die Händler auf, endlich „das Beste aus beiden Welten: online und offline“ in Angriff zu nehmen und zu vereinen. Oder, um wieder mit Haderlein zu sprechen: „die Chancen des Internets in den Mindset hieven“.

Und dann hievten sie auch! Denn kurz nach dem Haderlein-Auftritt rief die Aktion „Nationale Stadtentwicklungspolitik“, eine Gemeinschaftsinitiative von Bund, Ländern und Kommunen, dazu auf, innovative Projekte einzureichen und sich um Fördergelder zu bewerben. „Das war wie ein Fingerzeig des Himmels“, erzählte die damals als Projektmanagerin angeheuerte Christiane ten Eicken im November 2014 dem in Hamm erscheinenden „Westfälischen Anzeiger“. Kurz darauf habe man den Projektplan eingereicht, so ten Eicken stolz. Eine von 160 Bewerbungen. Und die hatte Erfolg. Für drei Jahre gab es von Seiten des Bundes 150 000 Euro Fördergelder, um das Projekt „Online City Wuppertal“ anzustoßen.

Die Mutter der Online-Marktplätze

Gestartet wurde im November 2014 mit einem wahren Medienhype: Wuppertal wurde zur „Mutter“ der lokalen Online-Marktplätze. Mit einem Projekt mit Vorbildcharakter stemme sich die Gemeinschaft gegen die starke Konkurrenz aus dem Internet, berichtete die WZ damals vollmundig und hoffnungsfroh.

Doch die Realität sah anders aus: 25 Händlern boten auf einem, in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Partner und Infrastrukturgeber „atalanda“  entwickelten Online-Marktplatz, 300 Produkte an. Lieferung natürlich noch am gleichen Tag. Als Kuriere wurden die Fahrer eines Wuppertaler Cocktail Taxis akquiriert. Bis dahin spezialisiert auf den Lieferservice für Drinks aller Art.

An den wenig üppigen Zahlen hat sich in den zurückliegenden Jahren wenig geändert. Allen Anstrengungen zum Trotz: Aus der Mutter aller Online-Marktplätze ist eher eine zahnlose Greisin denn eine stolze Mama geworden. Während noch immer mit 60 Händlern mit zusammengenommen 886 000 Produkten geworben wird, merkt der genaue Betrachter, dass der Köndgen Buchkatalog rund 90 Prozent davon beisteuert. Durch seinen Wegfall ist die Produktanzahl aktuell auf rund 15 000 geschrumpft. Auch die Anzahl der Händler scheint mehr als fraglich. Zeigt der Online-shop doch, dass lediglich 36 Händler ‚mehr als 0 Produkte‘ gelistet haben.

Auch die Wirtschaftskennzahlen lassen aufhorchen. So sollen die Umsätze, die monatlich generiert werden, bei nicht einmal 600 Euro liegen, wissen Insider zu berichten. Von allen Händlern zusammen! „In starken Zeiten auch mal 1.000 Euro“. Andere sprechen sogar von deutlich weniger: „Ich habe nicht ein einziges Produkt verkaufen können“, bestätigt uns ein ehemaliger Händler. Kein Wunder, denn nur drei Prozent der Wuppertaler kennen Online City überhaupt! „Ratlos und konzeptlos“, so ein Insider, der auch den Online-Marktplatz für sich nutzt, zu wuppertal-total.de. „Für viele ist ein neues Logo das wichtigste auf der Welt, aber den Namen kennt keiner“.

An der Zukunft vorbei

Jüngst gab es erneut Geld für den offensichtlichen Flop. Nachdem die erste Förderung 2016 ausgelaufen war, öffnete das NRW-Wirtschaftsministerium noch einmal sein Füllhorn und schüttete 350.000 Euro aus. Für insgesamt zwei Jahre. Ab 2019 soll sich das Projekt dann von alleine tragen. Man wolle das Projekt damit nachhaltig etablieren! So die Antragsbegründung.

Die Verantwortlichen auf dem sinkenden Schiff klammern sich jetzt unter anderem an den sogenannten „Research online/Purchase offline Effekt“ (“RoPo-Effekt“). Auf gut Deutsch: Ich suche im Netz und kaufe dann im Laden. Der soll gut sein, behaupten zumindest die Projektverantwortlichen. Wer es glaubt, macht sicherlich weiter mit. Spielgeld ist ja wieder genug da! Nur: Schon jetzt hinken die digitalen Himmelsstürmer in den Wuppertaler Amtsstuben dem Zeitgeist wieder hinterher. Denn: Mobile wird bald out sein! Age of Voice heißt das neue Zauberwort. Schon heute nutzt man sprachgesteuerte, digitale Alltags-Assistenz. Fragen sie mal Alexa, Herr Dr. Volmering.