Über 60 Hochschulen und Forschungsinstitute aus Deutschland und Österreich, darunter auch die Bergische Universität Wuppertal und die Kirchliche Hochschule (KiHo) in Wuppertal, haben ihre aktive Präsenz auf der Social-Media-Plattform X, ehemals Twitter, beendet. Der Grund: Die aktuelle Ausrichtung der Plattform sei mit den Grundwerten der Einrichtungen – Weltoffenheit, Integrität, Transparenz und demokratischer Diskurs – nicht länger vereinbar.
Kritik an der Plattform X
Seit der Übernahme durch Elon Musk habe sich X deutlich verändert. Kritisiert wird vor allem die algorithmische Verstärkung rechtspopulistischer Inhalte und die Einschränkung der Reichweite organischer Beiträge. Diese Entwicklungen erschweren es wissenschaftlichen Institutionen, ihre Forschungsergebnisse zu kommunizieren und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.
„Soziale Medien sind ein zentraler Baustein, um Wissenschaft transparent zu machen und mit der Gesellschaft in Austausch zu treten. Auf X findet das kaum noch statt – stattdessen dominieren dort bezahlte und tendenziöse Inhalte“, erklärt Jasmine Ait-Djoudi, Sprecherin der Bergischen Universität Wuppertal.
Die KiHo hat ihren Account bei X bereits stummgeschaltet, die Bergische Universität bleibt passiv präsent, plant jedoch den Ausbau ihrer Aktivitäten auf anderen Plattformen wie Bluesky und Mastodon.
Ein kollektiver Rückzug
Der Schritt der beiden Wuppertaler Hochschulen ist Teil einer konzertierten Aktion, die von zahlreichen renommierten Universitäten und Forschungsinstituten unterstützt wird. Zu den beteiligten Einrichtungen zählen etwa die Freie Universität Berlin, die RWTH Aachen und die Universität Heidelberg. Besonders in Brandenburg wurde eine klare Linie gezogen: Alle Universitäten des Bundeslandes, darunter die Universität Potsdam und die BTU Cottbus-Senftenberg, haben sich geschlossen zurückgezogen.
„Die aktuellen Entwicklungen auf X machen eine weitere Nutzung unvertretbar. Die Plattform steht nicht mehr für die Werte, die Vielfalt, Freiheit und Wissenschaft fördern“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Institutionen.
Alternativen im Fokus
Als mögliche Alternativen zu X werden vor allem Bluesky und Mastodon genannt. Die dezentrale Struktur von Mastodon bietet den Vorteil, dass keine zentrale Steuerung durch kommerzielle Interessen erfolgt. Einige Universitäten, wie die Universität Innsbruck, betreiben bereits eigene Mastodon-Instanzen und heben deren Potenzial für eine unabhängige und transparente Wissenschaftskommunikation hervor.
Bluesky wiederum erlebt derzeit einen großen Zulauf, steht jedoch aufgrund seiner unklaren Finanzierungsstrategie und möglichen Abhängigkeiten von Investoren in der Kritik. Meta’s Twitter-Klon „Threads“ wird als weitere Alternative diskutiert, ist jedoch in Europa aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken noch nicht breit verfügbar.
Wissenschaftskommunikation im Wandel
Der Rückzug der Hochschulen von X wirft grundlegende Fragen zur Wissenschaftskommunikation in sozialen Netzwerken auf. Während Plattformen wie Facebook und Instagram weiterhin genutzt werden, wächst das Bewusstsein dafür, dass zentrale Kommunikationskanäle nicht in die Hände profitorientierter Unternehmen gelegt werden sollten.
In Wuppertal unterstreichen die Hochschulen ihren Einsatz für eine faktenbasierte Kommunikation und gegen antidemokratische Kräfte. Der Rückzug von X ist nicht das Ende der Kommunikation, sondern ein Schritt hin zu neuen, unabhängigen Plattformen, die die Werte der Wissenschaft besser repräsentieren.