Im Wuppertaler Bob-Campus hat sich mit der Initiative „Im Quadrat“ ein regelmäßiges Angebot für Menschen aus dem neurodivergenten Spektrum etabliert. Seit Jahresbeginn treffen sich dort Betroffene sowie interessierte Angehörige und Freunde, um sich auszutauschen, gegenseitig zu unterstützen und alltägliche Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Ziel ist es, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem Verständnis, Akzeptanz und praktische Hilfe im Mittelpunkt stehen.
Als neurodivergent werden Menschen bezeichnet, deren Wahrnehmung, Denkweise oder Informationsverarbeitung von der Mehrheit abweicht. Dazu zählen unter anderem Personen mit ADHS, Autismus oder Legasthenie. Das Angebot im Bob-Campus richtet sich bewusst nicht nur an Menschen mit gesicherter Diagnose, sondern auch an diejenigen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen oder Unterstützung suchen.
Ein zentrales Element der Treffen ist das sogenannte Body Doubling. Dabei erledigen Teilnehmer Aufgaben, die sie über längere Zeit aufgeschoben haben, in Anwesenheit einer weiteren Person. Die Methode stammt ursprünglich aus der Filmbranche, fand später Eingang in die Psychologie und gewann insbesondere in den vergangenen Jahren durch soziale Medien an Bekanntheit. Vielen Betroffenen erleichtert diese Form der Begleitung den Einstieg in alltägliche oder belastende Aufgaben.
Die Initiative wurde von Ela Weingärtner ins Leben gerufen. Nach einer erst im Erwachsenenalter gestellten ADHS-Diagnose musste sie ihren Alltag und ihre Lebensplanung neu strukturieren. Nach ihren Erfahrungen geht es vielen Menschen ähnlich, da ADHS oder Autismus häufig erst spät erkannt werden. Die Folgen reichen oft über Jahre zurück und prägen Schulzeit, Ausbildung und Berufsleben, ohne dass die eigentliche Ursache bekannt ist.
In der Gemeinschaft stehen gegenseitige Unterstützung und ein respektvoller Umgang im Vordergrund. Viele Betroffene hätten über lange Zeit erlebt, dass ihre Schwierigkeiten als persönliches Versagen bewertet wurden. Ausgrenzung, Mobbing, Schamgefühle und psychische Belastungen seien deshalb keine Seltenheit. Die Gruppe verfolgt das Ziel, dieses Selbstbild aufzubrechen und gemeinsam Wege zu entwickeln, mit den individuellen Besonderheiten des eigenen Denkens und Handelns besser umzugehen.
Neben dem persönlichen Austausch werden praktische Strategien für den Alltag vermittelt. Themen sind unter anderem organisatorische Hilfsmittel, Erfahrungen mit medizinischen Anlaufstellen sowie individuelle Methoden zur Bewältigung alltäglicher Anforderungen. Nach einer gemeinsamen Gesprächsrunde arbeiten die Teilnehmer in einer ruhigen Phase an ihren persönlichen Aufgaben. Dabei können sie je nach Bedarf Hilfsmittel wie Fidget Toys oder geräuschunterdrückende Kopfhörer nutzen oder sich bewusst zurückziehen.
Derzeit wird die Initiative von einem kleinen Kreis aktiver Mitglieder getragen. Neue Interessenten sind unabhängig von einer offiziellen Diagnose willkommen. Langfristig wünschen sich die Organisatoren weitere vergleichbare Angebote in Wuppertal, um ein stärkeres Netzwerk für neurodivergente Menschen aufzubauen und das Thema in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Trotz bestehender Ansätze im Rahmen der städtischen Antidiskriminierungsstrategie sehen sie weiterhin erheblichen Aufklärungsbedarf.
Wissenschaftlich wird ADHS seit mehreren Jahrzehnten intensiv erforscht. Erkenntnisse aus der Neurobiologie zeigen, dass die Signalstoffe Dopamin und Noradrenalin bei Betroffenen anders verarbeitet werden. Dadurch fällt es dem Gehirn schwerer, unwichtige Reize auszublenden und Aufmerksamkeit gezielt zu steuern. Gleichzeitig arbeitet der präfrontale Cortex, der unter anderem für Planung, Impulskontrolle und Organisation verantwortlich ist, weniger effizient. Vor allem monotone Tätigkeiten führen deshalb häufig zu erheblichen Konzentrationsproblemen, während interessante Aufgaben oft mit großer Intensität verfolgt werden.
Diese Besonderheiten können zu ausgeprägter Prokrastination führen, die weit über gewöhnliches Aufschieben hinausgeht. Im Alltag werden die Schwierigkeiten jedoch häufig als mangelnde Disziplin oder fehlende Motivation missverstanden. Nach Einschätzung der Mitglieder von „Im Quadrat“ unterscheiden sich Menschen mit ADHS gerade durch die Schwere der Einschränkungen und deren weitreichende Folgen deutlich von Personen, die Aufgaben lediglich gelegentlich aufschieben.
Die Auswirkungen reichen von Problemen im Schulalltag bis hin zu Schwierigkeiten im Berufsleben. Fehlende Organisation, Unpünktlichkeit oder vergessene Arbeitsmaterialien werden oftmals sanktioniert, obwohl die eigentlichen Ursachen unerkannt bleiben. Herkömmliche Appelle an Disziplin oder Selbstorganisation greifen bei vielen Betroffenen daher zu kurz. Stattdessen seien Verständnis, individuelle Unterstützung und passende Strategien erforderlich, um vorhandene Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen.
Nach Auffassung der Initiative sollte die Gesellschaft neurodivergente Menschen stärker als Teil menschlicher Vielfalt verstehen. Insbesondere Schulen spielten eine entscheidende Rolle dabei, ob Kinder mit ADHS oder Autismus frühzeitig die notwendige Unterstützung erhalten oder durch wiederholte Misserfolge belastet werden. Zudem sprechen sich die Mitglieder für ein stärker sozial orientiertes Verständnis von Behinderung aus, um den Zugang zu geeigneten Hilfsangeboten zu erleichtern.
Neurodivergenz gilt nicht als heilbar. Mit einer passenden Begleitung, geeigneten Strategien und einem unterstützenden Umfeld lassen sich jedoch viele Belastungen reduzieren. Ohne entsprechende Hilfe können die Folgen bis zu psychischen Erkrankungen, Arbeitsplatzverlust oder sozialer Ausgrenzung reichen. Die Organisatoren sehen deshalb in niedrigschwelligen Angeboten wie „Im Quadrat“ eine sinnvolle Ergänzung zur medizinischen Versorgung, insbesondere angesichts langer Wartezeiten auf Therapieplätze. Derzeit arbeitet die Initiative an der Anerkennung als Selbsthilfegruppe und bemüht sich um Fördermittel, um das Angebot langfristig auszubauen.
Bob-Campus bietet Treffpunkt für Menschen mit ADHS und Autismus
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