Mit einem besonderen Ansatz zur Förderung von Gedächtnis und Kommunikation engagieren sich die Fotohistorikerin Carmen Pérez González von der Bergischen Universität Wuppertal und der Wissenschaftler Jako Plaß in mehreren Wuppertaler Senioreneinrichtungen. Im Mittelpunkt stehen historische Fotografien, die Erinnerungen aktivieren und den Austausch innerhalb der Gruppen anregen sollen.
Die wissenschaftliche Grundlage für das Projekt entstand aus einer mehrjährigen Forschungsarbeit zur sogenannten Reminiszenztherapie. Pérez González beschäftigt sich seit rund fünf Jahren mit der Frage, wie historische Bilddokumente zur Unterstützung von Menschen mit Alzheimer oder altersbedingten Gedächtnisstörungen eingesetzt werden können. Gemeinsam mit Fachleuten aus den Bereichen Neuropsychologie und Psychologie entwickelte sie ein Handbuch, das Pflegeeinrichtungen und Betreuungseinrichtungen praktische Anleitungen für die Durchführung entsprechender Erinnerungsworkshops bietet. Die Veröffentlichung erfolgte im Sommer 2025.
Das Konzept setzt bewusst auf einen nicht-medikamentösen Ansatz. Historische Fotografien dienen dabei als visuelle Impulse, die persönliche Erinnerungen wecken und Gespräche anregen sollen. Ziel ist es, kognitive Fähigkeiten zu fördern sowie soziale Kontakte und Kommunikation zu stärken.
Während der Corona-Pandemie entstand ergänzend eine digitale Lösung, um die Arbeit auch unter eingeschränkten Bedingungen fortführen zu können. Gemeinsam mit einer Düsseldorfer Designagentur wurde die kostenlose App „Golden Memories“ entwickelt. Die Anwendung ermöglicht es Angehörigen, persönliche Fotos und Erinnerungen hochzuladen und mit kurzen Texten zu ergänzen. Nutzer können durch individuelle Bildergalerien navigieren oder verschiedene Gedächtnisspiele nutzen.
Zum Angebot gehören unter anderem Memory-Spiele, Zuordnungsaufgaben zwischen Bildern und Texten sowie Quizformate, die biografische Erinnerungen unterstützen. Die App bezieht Familienmitglieder und Angehörige aktiv ein und soll den Austausch über persönliche Lebensgeschichten fördern. Nach einer umfangreichen Testphase wurde die Anwendung mit Unterstützung der Jackstädt-Stiftung weiterentwickelt und benutzerfreundlicher gestaltet.
Neben dem digitalen Angebot bleibt die persönliche Arbeit in den Einrichtungen ein zentraler Bestandteil des Projekts. Seit März 2026 führen Pérez González und Plaß Workshops in Seniorenheimen und Tagespflegeeinrichtungen in Wuppertal durch. Grundlage sind historische Aufnahmen aus der Region, darunter zahlreiche Fotografien des Wuppertaler Fotografen Kurt Keil. Die Veranstaltungen richten sich an alle Senioren und sind bewusst niedrigschwellig konzipiert.
Die deutsche Fassung des Handbuchs wird inzwischen durch einen Bestand von rund 300 historischen Fotografien ergänzt. Zuvor war bereits eine spanische Ausgabe mit mehr als 500 historischen Bilddokumenten veröffentlicht worden.
Die Workshops erstrecken sich jeweils über vier Termine von etwa 90 Minuten Dauer. Zum Auftakt beschäftigen sich die Teilnehmer mit historischen Ansichten aus Wuppertal und tauschen erste Erinnerungen aus. Anschließend werden individuelle Themenwünsche gesammelt, die in der nächsten Sitzung aufgegriffen werden. Dabei kommen häufig weitere persönliche Geschichten und gemeinsame Erinnerungen zur Sprache.
Der dritte Termin konzentriert sich auf die Förderung von Kommunikation und sozialem Austausch. Hierfür erhalten die Teilnehmer historische Postkartenmotive aus Wuppertal, die sie behalten, beschriften oder versenden können. Beim abschließenden Treffen lernen die Teilnehmer die App „Golden Memories“ kennen und können deren Funktionen selbst ausprobieren. Nach Angaben der Projektverantwortlichen wird das digitale Angebot auch von älteren Menschen gut angenommen, da die Bedienung bewusst einfach und barrierearm gestaltet wurde.
Das Projekt wurde bereits in mehreren Einrichtungen umgesetzt, darunter im Lutherstift Seniorenzentrum Elberfeld, im Altenheim Friedenshort in Ronsdorf, im Altenzentrum Cronenberg sowie im Wuppertaler Nachbarschaftsheim, in dem regelmäßig eine Demenzgruppe zusammenkommt.
In den kommenden Monaten werden zusätzlich kostenlose Online-Workshops angeboten. Die Termine finden am 3. und 6. Juli, am 10., 11., 24. und 25. August sowie am 1. und 2. September jeweils von 9 bis 10 Uhr statt. Interessierte können sich per E-Mail an die Projektleitung anmelden.
Historische Fotografien fördern Erinnerungen bei Senioren in Wuppertal
Daniel H/CCA