Muster als Ausdruck ihrer Zeit

Daniel Jünger/CCA


Wuppertaler Ausstellung widmet sich der Bedeutung von Ornamenten in der modernen und zeitgenössischen Kunst

Wuppertal – Ornamente sind weit mehr als dekorative Zugaben. Sie strukturieren Flächen, erzeugen Ordnung und Wiederholung und können zugleich gesellschaftliche und kulturelle Bedeutungen transportieren. Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal widmet diesem Spannungsfeld ab dem 11. Oktober 2026 eine Ausstellung. Unter dem Titel „Schön & streng. Die Macht des Ornaments“ untersucht die Schau, welche Rolle Muster und ornamentale Strukturen in der Kunst von der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart spielen.

Im Mittelpunkt stehen dabei zwei scheinbar gegensätzliche Eigenschaften des Ornaments: seine formale Regelmäßigkeit und sein spielerisches Potenzial. Wiederholung, Serialität, geometrische Ordnung und farbliche Rhythmen werden ebenso thematisiert wie freie, individuell entwickelte Muster. Die Ausstellung zeigt damit, wie Künstler das Verhältnis von Fläche, Farbe und Form immer wieder neu bestimmt haben.

Rund 100 Werke von etwa 40 Künstlern geben einen Überblick über unterschiedliche Spielarten des Ornaments. Neben Gemälden und Grafiken sind auch Textilarbeiten und Installationen vertreten. Die Auswahl reicht von Werken der Klassischen Moderne bis zu Positionen der Gegenwart.

Von Matisse bis zur zeitgenössischen Kunst

Eine wichtige Grundlage der Ausstellung bildet die international ausgerichtete Sammlung des Von der Heydt-Museums. Zahlreiche Werke zeigen, wie sich die Kunst im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend mit Farbe, Fläche und Form als eigenständigen Bildelementen auseinandersetzte.

Zu den historischen Positionen gehören unter anderem Henri Matisse und August Macke. Mackes „Stillleben mit Apfelschale und japanischem Fächer“ aus dem Jahr 1911 verdeutlicht, wie Muster und dekorative Elemente bereits in der frühen Moderne die Bildkomposition bestimmen konnten. Dabei geht es nicht allein um eine Verschönerung der dargestellten Gegenstände. Ornamentale Strukturen werden vielmehr zu einem wesentlichen Bestandteil der Bildsprache.

Diese Entwicklung steht in Verbindung mit den künstlerischen Bewegungen, die im frühen 20. Jahrhundert zur abstrakten und konkreten Kunst führten. Später griffen auch die Op Art und andere Strömungen die Wirkung von Wiederholung, geometrischer Ordnung und visuellen Rhythmen auf. Gegenwärtig erleben ornamentale Verfahren erneut eine starke Präsenz.

Zwischen Ordnung und Spiel

Die Ausstellung betrachtet das Ornament sowohl als streng geregeltes System als auch als Möglichkeit des freien Spiels mit Formen. Muster können auf festen Regeln beruhen, zugleich aber durch Verschiebungen, Wiederholungen oder Variationen eine eigene Dynamik entwickeln.

In der zeitgenössischen Kunst wird diese Spannung unter anderem bei Philip Taaffe, Katja Davar und Thomas Bayrle sichtbar. Taaffes „Cairene Window II“ von 2008 verbindet ornamentale Strukturen mit einer komplexen malerischen Oberfläche. Die Arbeit gehört zur Jablonka Collection.

Dabei rückt die Ausstellung auch die Frage in den Mittelpunkt, warum bestimmte Formen als Ornamente wahrgenommen werden und welche Vorstellungen mit ihnen verbunden sind. Muster entstehen nicht unabhängig von ihrer Geschichte. Ihre Herkunft und ihre Verwendung können bestimmen, welche kulturellen oder gesellschaftlichen Bedeutungen ihnen zugeschrieben werden.

Wenn Muster politische und kulturelle Bedeutung erhalten

Besonders relevant wird dieser Aspekt in Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die auf überlieferte Ornamente aus unterschiedlichen Kulturkreisen zurückgreifen. Nevin Aladağ, Azra Akzamija und Susan Hefuna setzen sich mit Formen auseinander, die aus bestimmten kulturellen Zusammenhängen stammen und dadurch über ihre ästhetische Wirkung hinausweisen.

Aladağs Arbeit „Social Fabric, Floating Leaves“ von 2023 besteht aus einer Teppich-Collage auf Holz und gehört zur Sammlung Pohl in Marburg. Solche Arbeiten lenken den Blick auf die Wanderung von Formen zwischen verschiedenen Regionen und Kulturen. Ornamente werden damit zu Trägern von Erinnerung, Identität und gesellschaftlicher Kommunikation.

Die Migration von Mustern gewinnt vor dem Hintergrund einer zunehmend globalisierten Kunstwelt zusätzliche Bedeutung. Formen werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, übernommen, verändert und in neue kulturelle Kontexte übertragen. Die Ausstellung untersucht, welche Bedeutungsverschiebungen dabei entstehen können.

Sehnsucht nach Ordnung in einer Bilderflut

Das Interesse am Ornament erhält zugleich eine aktuelle Dimension. Digitale Medien produzieren heute in kurzer Zeit eine kaum überschaubare Menge visueller Eindrücke. Vor diesem Hintergrund können geometrische und ornamentale Ordnungen als Gegenmodell zur permanenten Bilderflut verstanden werden. Wiederholung, Struktur und klare formale Systeme schaffen visuelle Zusammenhänge, die Orientierung und Geschlossenheit vermitteln.

„Schön & streng. Die Macht des Ornaments“ verbindet diese gegenwärtige Perspektive mit einem historischen Überblick. Die Ausstellung zeigt, dass Ornamente in der Kunst nicht auf eine dekorative Funktion beschränkt sind. Sie können Kompositionen strukturieren, Wahrnehmung lenken und zugleich kulturelle sowie gesellschaftliche Inhalte transportieren.

Die Ausstellung ist vom 11. Oktober 2026 bis zum 14. Februar 2027 im Von der Heydt-Museum in Wuppertal zu sehen.

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