Wuppertal – Mit der umfassenden Sanierung und Neunutzung der ehemaligen Bundesbahndirektion am Döppersberg beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte dieses bedeutenden Bauwerks. Parallel zu den aktuellen Entwicklungen hat die Stadt Wuppertal in Zusammenarbeit mit dem Historiker Dr. Michael Okroy eine neue Broschüre veröffentlicht, die sich mit der vielschichtigen Vergangenheit des denkmalgeschützten Gebäudes auseinandersetzt.
Die Publikation erscheint im Rahmen einer von der Begegnungsstätte Alte Synagoge initiierten Reihe, die sich historisch relevanten Orten in Wuppertal widmet. Neben der Bundesbahndirektion wurden bereits Gebäude wie das Polizeipräsidium, das Landgericht, das Opernhaus oder auch das ehemalige Kaufhaus Tietz dokumentiert. Ziel ist es, historische Zusammenhänge aufzuzeigen und zur städtischen Erinnerungskultur beizutragen.
Die Broschüre zur ehemaligen Bundesbahndirektion zeichnet die Entwicklung des Hauses von seinen Anfängen als „Königliche Eisenbahndirektion Elberfeld“ im Jahr 1850 bis zur Schließung der Bundesbahndirektion Wuppertal in den 1970er Jahren nach. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Epoche des industriellen Aufschwungs im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde das klassizistische Gebäude als Ausdruck bürgerlichen Selbstverständnisses und wirtschaftlichen Fortschritts errichtet. Es symbolisierte die zentrale Bedeutung der Eisenbahn für die wirtschaftliche und urbane Entwicklung der Städte Elberfeld und Barmen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Broschüre liegt auf der politischen Geschichte des Gebäudes, insbesondere in den Jahren der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus. In den frühen 1920er Jahren war das Haus zeitweise ein Zentrum antidemokratischer Aktivitäten, als radikale Gruppen von hier aus Sabotageakte gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet organisierten. Diese Phase der Geschichte ist eng verknüpft mit der späteren Karriere einiger Akteure innerhalb des NS-Staates.
Darüber hinaus dokumentiert die Publikation die Rolle der Reichsbahndirektion Wuppertal während der NS-Zeit. Die Behörde war maßgeblich in die nationalsozialistische Infrastruktur eingebunden. Zwei Wuppertaler, Julius Dorpmüller und Wilhelm Kleinmann, nahmen zentrale Positionen innerhalb der Deutschen Reichsbahn ein und trugen aktiv zur ideologischen Ausrichtung des staatlichen Verkehrssektors bei. Besonders belastend ist die historische Tatsache, dass die Reichsbahndirektion Wuppertal im Zweiten Weltkrieg zu einem der größten Arbeitgeber für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der damaligen Sowjetunion wurde. Zudem stellte sie Transporte bereit, mit denen hunderte jüdischer Menschen aus dem Bergischen Land in Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden.
Die neue Broschüre vermittelt auf kompakte und anschauliche Weise die geschichtliche Bedeutung der ehemaligen Bundesbahndirektion – als Symbol technischer Innovation, als Zeugnis bürgerlicher Repräsentation und als Mahnmal einer dunklen Epoche deutscher Geschichte. Sie soll dazu beitragen, dieses zentrale Gebäude am „Tor zur Stadt“ nicht nur architektonisch, sondern auch historisch wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.
Die Publikation ist kostenlos erhältlich und liegt unter anderem im Rathaus Barmen, im Verwaltungshaus Elberfeld sowie in weiteren städtischen Einrichtungen aus.
Ehemalige Bundesbahndirektion: Neue Broschüre beleuchtet historische Bedeutung
Philipp psurek/CCA