Pflegereform sorgt in NRW für Unsicherheit



Wuppertal. Die von der Bundesregierung geplante Reform der Pflegeversicherung sorgt auch in Nordrhein-Westfalen für Diskussionen. Während sich das Bundeskabinett auf erste Eckpunkte verständigt hat, standen die möglichen Folgen bei einer Jobmesse in Wuppertal im Mittelpunkt. Vertreter aus der Pflegebranche befürchten Einschnitte bei Leistungen und eine zunehmende Unsicherheit für Pflegebedürftige und Beschäftigte.

Nach den bisherigen Plänen soll es künftig schwieriger werden, einen Pflegegrad zu erhalten. Besonders betroffen wäre Pflegegrad 1: Der bislang vorgesehene Entlastungsbetrag soll entfallen. Für viele ältere Menschen könnte damit Unterstützung wegfallen, die bislang den Alltag erleichtert.

Befürchtungen bei der ambulanten Versorgung

Nadine Lohschelder von der Talpflege GmbH in Wuppertal erwartet, dass ein Wegfall dieser Unterstützung konkrete Folgen für ältere Menschen haben könnte. Leistungen im Haushalt oder bei alltäglichen Erledigungen könnten dann möglicherweise nicht mehr in Anspruch genommen werden. Auch notwendige Arztbesuche könnten für Betroffene schwieriger zu organisieren sein.

Ähnliches gilt für die Versorgung mit Lebensmitteln. Wenn der eigene Einkauf aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht mehr möglich ist, sind digitale Angebote nicht für jeden eine praktikable Alternative. Gerade ältere Menschen verfügen nach Einschätzung von Fachleuten häufig nicht über die notwendigen Kenntnisse oder technischen Voraussetzungen für Einkaufsdienste, Apps und bargeldlose Bezahlverfahren. Zudem kann bei der Nutzung solcher Angebote persönliche Unterstützung erforderlich sein.

Mehr Unterstützung vor dem eigentlichen Pflegefall

Nathan Mohr von der evangelischen Stiftung Tannenhof in Remscheid verweist auf eine weitere Herausforderung: Viele Menschen beschäftigen sich erst spät mit der Frage, wie sie im Alter leben wollen, wenn ein selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung nicht mehr möglich ist.

Ist eine eigenständige Lebensführung nicht mehr gewährleistet, bleibt häufig nur der Umzug in eine stationäre Einrichtung. Ein solcher Schritt bedeutet für die Betroffenen eine erhebliche Veränderung ihres bisherigen Lebensumfelds. Nach Einschätzung von Mohr fehlen bislang flächendeckende Konzepte, die Menschen bereits vor dem Eintritt einer ausgeprägten Pflegebedürftigkeit unterstützen und alternative Betreuungsformen ermöglichen.

Zahl der Pflegebedürftigen wird weiter steigen

Auch die stationäre Pflege dürfte angesichts der demografischen Entwicklung vor großen Herausforderungen stehen. Andreas Müller vom Caritasverband Wuppertal geht davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 deutlich zunehmen wird.

Eine stationäre Unterbringung sei nicht in jedem Fall vermeidbar. Gründe dafür könnten unter anderem soziale Isolation oder ein besonders hoher Betreuungs- und Pflegebedarf sein. Nicht jede Versorgung lasse sich ambulant organisieren. Gleichzeitig gehören Pflegeheime zu den kostenintensivsten Bereichen der Versorgung.

Damit stellt sich nach Einschätzung von Müller auch eine grundsätzliche Frage zur langfristigen Finanzierung des Pflegesystems. Das bisherige Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern werde sich aufgrund der alternden Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten deutlich verändern. Dies dürfte eine erneute gesellschaftliche Debatte über die Finanzierung und den Generationenvertrag erforderlich machen.

Auf der Wuppertaler Jobmesse wurde deshalb nicht nur über die aktuellen Veränderungen gesprochen. Auch die Zukunft stationärer Einrichtungen und die Frage, wie Pflege angesichts einer wachsenden Zahl älterer Menschen organisiert und finanziert werden kann, beschäftigen die Branche.

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