Die Zahl der registrierten Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist in Nordrhein-Westfalen erneut gestiegen. Nach aktuellen Daten des Bundeskriminalamts wurden im vergangenen Jahr landesweit 4544 Fälle erfasst. Damit bleibt NRW das Bundesland mit den meisten registrierten Straftaten in diesem Deliktsbereich. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Fälle deutlich höher liegt.
Auch in Wuppertal zeigt sich seit Jahren eine kontinuierliche Entwicklung nach oben. Während im Jahr 2016 noch 65 Fälle registriert wurden, verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr bereits 136 Delikte.
Nach Einschätzung der Polizei ist dieser Anstieg unter anderem auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurückzuführen. Intensive Aufklärungsarbeit, eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit sowie eine umfassendere Berichterstattung hätten das Bewusstsein für sexualisierte Gewalt geschärft und dazu beigetragen, dass Betroffene und ihr Umfeld häufiger den Schritt zur Anzeige wagen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Fälle zu, die im digitalen Raum stattfinden.
Neben der Strafverfolgung setzt die Polizei auf Präventionsarbeit und Beratung. Opfer erhalten Informationen zu Hilfsangeboten und Verhaltenshinweise zum persönlichen Schutz. Darüber hinaus richtet sich das Präventionsangebot an unterschiedliche Zielgruppen und umfasst unter anderem Schulen, Kindertagesstätten sowie weitere Bildungseinrichtungen.
In Wuppertal arbeiten Stadt, Caritas und Diakonie seit 2023 in einer gemeinsamen Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen zusammen. Das Verbundprojekt bündelt Beratungs- und Unterstützungsangebote für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte.
Die Fachstelle bietet vertrauliche Einzelberatungen für Kinder, Jugendliche und Eltern an. Die Gespräche können anonym erfolgen und unterliegen der Schweigepflicht. Ergänzend werden Präventionsprogramme für Kindertagesstätten, Schulen und pädagogische Fachkräfte angeboten. Ein besonderes Anliegen der Beratungsstellen ist es, Kindern den Zugang zu Unterstützung auch unabhängig von der Zustimmung ihrer Eltern zu ermöglichen.
Seit der Einrichtung der gemeinsamen Fachstelle steigt die Nachfrage nach Beratung kontinuierlich. Im Jahr 2025 nahmen 75 Familien das Angebot in Anspruch, nachdem die Zahl im Vorjahr noch deutlich niedriger gelegen hatte. Die Beratungsstellen führen diese Entwicklung vor allem auf den gestiegenen Bekanntheitsgrad ihres Angebots sowie auf eine wachsende Sensibilität für den Kinderschutz zurück. Zunehmend suchen auch Lehrkräfte und Erzieher fachliche Unterstützung, wenn sie Anzeichen einer möglichen Gefährdung wahrnehmen.
Nicht jede Beratung erfolgt aufgrund eines bestätigten Missbrauchsfalls. Häufig wenden sich Familien bereits bei einem Verdacht oder einer konkreten Sorge an die Fachstellen. Die frühzeitige Beratung dient dazu, Unsicherheiten zu klären, Risiken einzuordnen und gegebenenfalls Schutzmaßnahmen einzuleiten. Präventionsangebote sollen dazu beitragen, Übergriffe möglichst früh zu verhindern.
Kommt es zu einem bestätigten Fall sexualisierter Gewalt, steht der Schutz der Betroffenen im Mittelpunkt. Die Beratungsstellen begleiten Kinder und ihre Angehörigen während des gesamten Verfahrens, informieren über rechtliche Möglichkeiten und erläutern die Folgen einer Strafanzeige. Ob weitere Schritte eingeleitet werden, entscheiden die Betroffenen beziehungsweise ihre Sorgeberechtigten selbst. Gleichzeitig unterstützen die Fachkräfte bei den oftmals belastenden Befragungen und möglichen Gerichtsverfahren, die für Opfer und ihre Familien eine erhebliche psychische Belastung darstellen können.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Stabilisierung der Betroffenen sowie der Unterstützung ihres sozialen Umfelds. Angehörige erhalten Hilfestellung im Umgang mit den Folgen der Tat und werden dabei begleitet, den betroffenen Kindern Sicherheit und Orientierung zu geben.
Besonders schwierig gestaltet sich die Aufdeckung vieler Fälle, da Täter häufig gezielt Druck auf ihre Opfer ausüben und sie zum Schweigen bewegen. Fachkräfte empfehlen deshalb, auffällige Veränderungen im Verhalten von Kindern ernst zu nehmen und frühzeitig professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Zwar existieren keine eindeutigen Anzeichen für sexualisierte Gewalt, dennoch können plötzliche Verhaltensänderungen Anlass für eine sorgfältige Abklärung sein.
Auch der Evangelische Kirchenkreis Wuppertal hat seine Maßnahmen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet. Nach früheren Missbrauchsfällen im kirchlichen Umfeld wurden Schutzkonzepte und verbindliche Interventionsabläufe eingeführt. Darüber hinaus sind erweiterte Führungszeugnisse für Mitarbeitende verpflichtend, und regelmäßige Präventionsschulungen sollen die Handlungssicherheit im Verdachtsfall stärken. Ergänzend stehen Vertrauenspersonen als feste Ansprechpartner zur Verfügung.
Parallel dazu arbeitet der Kirchenkreis seine eigene Vergangenheit systematisch auf. Tausende Akten wurden ausgewertet, um mögliche Fälle sexualisierter Gewalt zu identifizieren und aufzuarbeiten. Die dabei gewonnenen Unterlagen werden derzeit von externen Staatsanwälten auf ihre strafrechtliche Relevanz geprüft. Aufgrund des Umfangs der Recherchen und notwendiger weiterer Ermittlungen ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen.
Sexueller Missbrauch von Kindern nimmt in Wuppertal weiter zu
Daniel H/CCA